Smart Meter in Deutschland und Europa – Quo Vadis?

Die Situation in Deutschland

Auch mehr als zwei Jahre nach Veröffentlichung des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende sind die regulatorischen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung innerhalb der Energiewirtschaft unübersichtlich und steckt der damit verbundene Dienstleistungsmarkt noch in den Anfängen. Auf der anderen Seite wurden in die Vorbereitung auf den Rollout von intelligenten Stromzählern in einzelnen Unternehmen bereits hohe zweistellige und deutschlandweit wahrscheinlich fast vierstellige Millionenbeträge in Technologie, Software und Prozesse investiert.

Anfang 2019 sieht es nun (endlich?) nach dem Erreichen bedeutender Meilensteine der Entwicklung im Metering aus. Kurz vor Jahresende 2018 gab es endlich die seit langem verzögerte erste SMGw-Zertifizierung (konsekwent berichtete). Die Freigabe von ersten Geräten lässt mit einem Start des Massen-Rollouts ab dem 2. Quartal 2019 rechnen.

Obwohl diese Neuigkeiten auf den ersten Blick optimistisch stimmen sollten, muss bemerkt werden, dass die „intelligenten Messsysteme“ der 1. Generation einige ursprünglich vorgesehene Funktionalitäten nicht bedienen werden können. Messsysteme der 1. Generation müssen für die Zertifizierung lediglich vier von dreizehn sogenannten Tarifanwendungsfällen (TAF) obligatorisch beherrschen. Voraussichtlich wird nun auch der zeitvariable Tarifanwendungsfall 2 auf „optional“ gestuft werden. Der Energierechtsexperte Holger Schneidewindt (Verbraucherzentrale NRW) weist darauf hin, dass der dann begrenzte Funktionsumfangs nicht mehr Anwendungen ermöglicht als normale / aktuelle Smart Meter. Seiner Argumentation folgend wäre sogar die Rechtsgrundlage für den verpflichtenden Smart-Meter-Rollout zu hinterfragen, da die ursprüngliche Kosten-Nutzen-Analyse ohne die netzdienlichen Anwendungsfälle in allen Szenarien negativ würde.

Großbritannien in der Bredouille

Dass ein Rollout von technisch nicht ausgereiften Smart Metern bzw. der zugehörigen Marktprozesse teure Konsequenzen hat, kann momentan in Großbritannien beobachtet werden. Dort wird der Rollout aus der Marktrolle der Lieferanten durchgeführt, jedoch andere Geräte (mit einem Home-Display) als in Deutschland eingesetzt. Bisher wurden ca. 12,5 Mio. Smart-Meter verbaut. Immer wieder führ(t)en technische Probleme, Fehlfunktionen und daraufhin notwendige Rückbauten von großen Stückzahlen zu Verzögerungen im Rollout. Die Zähler der 1. Generation verlieren teilweise alle intelligenten Fähigkeiten, wenn der Benutzer den Energieversorger wechselt. So mussten Verbraucher zum Teil nach einem Wechsel ihres Lieferanten Messwerte erneut manuell übermitteln. Einige Experten gehen davon aus, dass dies auf ca. 70% der installierten 12,5 Millionen intelligenten Zähler zutrifft.

Weiterhin berichtete das National Audit Office (ähnlich dem deutschen Bundesrechnungshof), dass die Kosten für die Installation von intelligenten Zählern bereits 2017 ca. 50 Prozent höher waren als vorher angenommen. Weiter gilt es noch 39 Millionen konventionelle Zähler (von insgesamt ca. 53 Mio) zu ersetzen. Zulieferer erwarten jedoch, dass bis zum Stichjahr 2020, zu dem der Rollout abgeschlossen sein sollte, nur etwa 75 Prozent der Haushalte und kleinen Unternehmen einen intelligenten Zähler haben werden.

 

Französische Bürger und Gemeinden bleiben skeptisch

Auch im Nachbarland Frankreich verläuft nicht alles nach Plan. So sollen bis zu 35 Mio. Smart Meter in einem „Full-Rollout“ bis 2021 installiert werden, ursprünglich war das Jahr 2020 angepeilt worden. Eingebaut wird der sogenannte Linky-Zähler (eine für den französischen Markt von verschiedenen Herstellern produzierte Geräteart). Bisher konnten mehr als 13 Mio. Linky-Meter verbaut werden. Doch viele Gemeinden und Bürger stellen sich gegen den verpflichteten Einbau. Hintergrund der Skepsis u.a. in der Gemeinde Blagnac ist, dass eine „gefährliche Strahlung“ von den Smart Metern ausgehen soll. Eine von der Gemeinde in Auftrag gegebene Studie konnte jedoch keine bedenklichen Werte feststellen. Weiterhin war vielen Franzosen ein Dorn im Auge, dass die Netzbetreiber den Linky-Zähler Kunden aufzwängen, ohne die Haushalte vorher zu fragen. So entschied im Herbst 2018 das Verwaltungsgericht Toulouse auch teilweise zugunsten der Gemeinde Blagnac, die ein Dekret gegen smarte Stromzähler erlassen wollte. Bürger können demnach „den Zugang zu ihrem Haus oder Eigentum verweigern oder akzeptieren“ und „ablehnen oder akzeptieren, dass die vom Zähler erfassten Daten an dritte Partner übermittelt werden„. Verbraucher, die einen Linky ablehnen, werden zukünftig jedoch wahrscheinlich die Ablesung selber bezahlen müssen.

Spanien als ein Vorreiter in der EU

Im Gegensatz zu den drei zuvor genannten eher unglücklich verlaufenden Rollouts kann Spanien als Vorreiter glänzen. Ca. 28 Mio. Smart Meter wurden bis zum Ende des Jahres 2018 installiert. Der Rollout verläuft weitestgehend störungsfrei und ist nun quasi abgeschlossen. Eingebaut wird der Smart Meter und Kunden erhalten dazu Portal-Lösung. Im Hinblick auf die Anbindung geht Spanien konsequent den PLC-Weg (Powerline Communication), auch wenn hier bereits die Vorbereitung zum Wechsel auf eine neue Powerline-Generation anlaufen und im Zuge der nächsten Turnuswechsel auch wieder Technologiewechsel anstehen.

Damit bleibt das Thema Digitalisierung im Metering allerorten ein Dauerbrenner. Und auch in Deutschland setzt sich allmählich die Überzeugung durch, dass von einem Rollout im eigentlichen Sinne wohl künftig nicht mehr gesprochen werden sollte. Vielmehr geht es um den Einstieg in eine neue Technologie und den kontinuierlichen Aufbau und Betrieb einer Infrastruktur für neue digitale Lösungen beim Kunden.